Friedrich, das ist einer jener zornigen jungen Männer, wie sie einst am Campus Bockenheim im Parka herumliefen. Er trägt schwer an der Last der Geschichte: Als Jugendlicher hat er herausgefunden, dass sein Vater ein SS-Leutnant war. Das war in Argentinien, und im Haus gegenüber wohnte Sulamit, deren jüdische Eltern aus Nazi-Deutschland fliehen mussten. Es ist eine Geschichte - aber in Argentinien gibt es viele solcher schockhaften Zusammenstöße deutsch-jüdischer Vergangenheit.
Kaum jemand wüsste das wohl so gut wie Jeanine Meerapfel (Foto: gff), 1943 in Buenos Aires als Tochter deutsch-jüdischer Einwanderer geboren. Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts und das, was sie mit den Seelen und den Biographien anstellen, in Argentinien, in Deutschland und anderswo, bestimmen die Arbeit der Autorin und Regisseurin. Nach dem Film "Annas Sommer" (2001) ist Meerapfel wieder auf den Spuren einer Liebesgeschichte, die geprägt ist von der jüngeren Vergangenheit. "Der deutsche Freund", eine deutsch-argentinische Koproduktion, soll Anfang 2012 ins Kino kommen. Weil ein Teil des Films in Hessen entsteht, hat der Fonds Hessen Invest Film 350 000 Euro für das Projekt bewilligt.
Frankfurt ist Schauplatz des Studentenlebens von Friedrich und Sulamit, die sich dort an Protesten und Demonstrationen beteiligen. Wie das ausgesehen hat, weiß Jeanine Meerapfel genau. 1968 kam sie nach Frankfurt, mit Ulmer Co-Absolventen zog sie dahin, wo das studentische Leben bunte Blüten trieb: Im Westend, in der Corneliusstraße, hat das Kollektiv aus acht Filmemachern die "Epplwoi Motion Pictures" gegründet, erst vor kurzem lief deren "Zwickel auf Bizyckel" beim Frankfurter Filmfestival Lichter in einer "Epplwoi"-Retrospektive. Alle sollten alles machen, Kamera und Buch, Schnitt und Regie. "Das war absolut angesagt damals", sagt Meerapfel, "es war eine gute Zeit." Eine Zeit, in der viel diskutiert wurde. "Das habe ich an den deutschen jungen Menschen damals so bewundert: Dass sie sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf der Geschichte gezogen haben", sagt Meerapfel.
1964 war die junge Deutschargentinierin, nach einer Ausbildung als Journalistin, nach Ulm gekommen, um an der Hochschule für Gestaltung bei Alexander Kluge und Edgar Reitz Film zu studieren. Die Sprache "im Land meiner Eltern", so der Titel eines gleich nach ihrem erfolgreichen Spielfilmdebüt "Malou" 1981 gedrehten Dokumentarfilms, hat sie erst lernen müssen. Deutschland ist längst Meerapfels Lebens- und Arbeitsort geworden, auch wenn sie in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren etliche Filme in Argentinien gedreht hat. Sie widmen sich den Schrecken der jüngsten Geschichte, etwa den Verschwundenen der Diktatur und den Müttern der Plaza de Mayo wie "La amiga" von 1988 mit Liv Ullmann in der Hauptrolle, der viele Preise gewonnen hat und für den Oscar nominiert war. Ihre Filme sind vor kurzem als DVD-Sammlung in der "Edition der Filmemacher" erschienen - nur die ihrer Anfänge fehlen.
Die Erinnerungen an die sechziger Jahre aber fließen in ihren neuen Film, nicht nur, weil in Frankfurt Autos, Möbel und Schreibmaschinen aus der Zeit für das Set beschafft wurden. Was der jungen Argentinierin damals auffiel: Die Kommilitonen siezten sich, anders als heute, selbstverständlich untereinander, wenn sie sich kennenlernten. Das lässige "Du", das in so vielen Filmen fällt, die "Achtundsechzig" nachspielen, habe es an der Uni nicht gegeben, erinnert sich Meerapfel. Solche Details zu beachten ist typisch für ihre Filme: Meerapfel ist eine akribische Feinarbeiterin. "Man kann nichts erzählen, das man nicht gut kennt", sagt sie schlicht. Das gilt für äußerliche Details, aber vor allem hat sie das Seelenleben ihrer Figuren im Blick, ihr Sein in der Zeit. Das macht, dass alle ihre Filme, auch wenn sie, wie in "Annas Sommer", ein spielerischer, durchaus ironischer magischer Realismus prägt, auch politische Filme sind.
"Was willst du erzählen?", habe sie ihre Studenten stets gefragt, in den 15 Jahren als Filmprofessorin an der Kunsthochschule für Medien in Köln, sagt Meerapfel schlicht. Für sie bedeutet das, ein Drehbuch immer wieder "abzuklopfen", damit auch ja kein Fehler übersehen wird - was sie jetzt mit ihrem Koproduzenten Hans W. Geißendörfer getan hat. Minutiöse Vorbereitung, gutes Proben und Gespräche mit den Schauspielern seien unabdingbar, um beim Drehen auf Kleinigkeiten und Momente der Imagination achten zu können. In Ruhe - die sie auch selbst ausstrahlt. "Drehen heißt zulassen, dass etwas Neues geschieht."
Dass ihre jungen Hauptdarsteller viele Fragen stellten und sich mit der Vergangenheit befassten, fasziniert Meerapfel: Max Riemelt, Jahrgang 1981, ist ihr Friedrich, Sulamit wird von der genau gleichaltrigen argentinischen Schauspielerin Celeste Cid gespielt, Benjamin Sadler ist Michael, der Mann, dem sich Sulamit zuwendet. Auch ihren Darstellern seien Parallelen in der Geschichte Deutschlands und Argentiniens aufgefallen, die Traumata, die beide Gesellschaften geprägt hätten, nach "von Menschen verursachten Katastrophen". Was und wie sie davon erzählt, soll ihre Zuschauer berühren. Am liebsten sollten sie empfinden: "Das hat ja mit mir zu tun", um dann über die eigene Geschichte nachzudenken. "Das ist Unterhaltung im besten Sinne für mich", sagt Jeanine Meerapfel. Andere würden es Kunst nennen.
(aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.05.2011, Rhein Main Zeitung, S. 38
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Max Riemelt
Celeste Cid
Benjamin Sadler
Buch und Regie: Jeanine Meerapfel
Produzentin: Jeanine Meerapfel
Koproduzent: Hans W. Geißendörfer
Koproduzent Argentinien: Ricardo Freixa
Herstellungsleitung: Paul Müller
Kamera: Victor Kino González
Szenenbild: Alexander Scherer, Frederico Mayol
Kostüm: Lucia Faust, Connie Balduzzi
Maske: Waldemar Pokromski, Sabine Schumann
Schnitt: Andrea Wenzler
Ton: Michael Busch, Victor Tendler
Musik: Floros Floridis
Eine Produktion der Malena Filmproduktion in Koproduktion mit Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion, Jempsa /Ricardo Freixa und dem WDR
Gefördert von: Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, HessenInvest,
Deutscher Filmförderfond, BKM, Filmförderungsanstalt und
Instituto Nacional de Cine y Arte (INCAA)
Deutschland / Argentinien 2011
In ihrem neuen Kinofilm erzählt Jeanine Meerapfel die Geschichte einer großen Liebe zwischen politischen Umbrüchen und historischem Wandel.
Sulamit, Tochter jüdischer Emigranten aus Deutschland, wächst im Buenos Aires der 50er Jahre auf. In unmittelbarer Nachbarschaft leben hier Juden und Nazis, aus Europa geflohen und in der Fremde erneut
zusammengeworfen. Als junges Mädchen trifft Sulamit auf Friedrich, einen deutschen Jungen, der mit seiner Familie im Haus direkt gegenüber wohnt. Zwischen den beiden entsteht schon bald eine ungewöhnliche Nähe. Als Friedrich erkennt, dass sein Vater ein SS-Obersturmbannführer war, bricht er mit seiner Familie und geht nach Deutschland, um sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Bald wird er sich der deutschen Studentenbewegung voller Innbrunst anschließen. Sulamit folgt ihm wenige Jahre später und muss feststellen, dass sein politisches Engagement keinen Raum für ihre Liebe lässt. Sulamit studiert, arbeitet später als Übersetzerin und beginnt eine Beziehung mit Michael, der sie liebt und ihr hilft. Doch ihr Herz hängt an Friedrich.
Als der Deutschland verlässt, um sich einer argentinischen Guerillabewegung anzuschließen, bricht der Kontakt ab und Friedrich verschwindet spurlos. Sulamit begibt sich auf eine Suche, die sie bis ins Herz Patagoniens führt.